19.07.2012 4 Semester Biografieseminare erprobt

Biografische Selbstreflexion für Lehramtsstudierende an der Uni Jena

Innovatives Seminarkonzept zur pädagogischen Professionalität im Grundstudium bereits über 4 Semester hinweg erprobt

„Stellt euch vor, ihr kommt in die 6. Klasse und erlebt diese ganz aufgewühlt. Hans weint wegen seines gestorbenen Haustieres – einige schauen ganz betreten, andere lachen ihn aus – was tust du als Lehrer in dieser Situation?“ Die Lehramtsstudierenden des ersten Semesters müssen nicht lange überlegen … und beginnen angeregt zu diskutieren, welche pädagogische Reaktion in dieser Situation für sie die beste wäre. Das ist wenig verwunderlich, denn, so zeigen entsprechende wissenschaftliche Studien klar, ob 14-jährige Schüler, Studienanfänger oder Absolventen, sie alle greifen auf ihr biografisch erworbenes Wissen zurück; sie verhalten sich so, wie sie es in 12 oder 13 Schuljahren täglich erlebten. Das hat Vorteile, denn die angehenden Lehrer fühlen sich handlungsfähig. Die Frage ist, ob die so schnell verfügbare Reaktion auch dem entspricht, was in der Erziehungswissenschaft unter pädagogischer Professionalität verstanden wird. Prof. Dr. Peter Fauser und Prof. Dr. Michaela Gläser-Zikuda sehen darin auch einen Grund, dass Veränderungen in den Schulen so schleppend passieren. Gemeinsam mit Dr. Jens Rißmann und Dr. Christine Wiezorek entwickelten sie 2010 am Institut für Erziehungswissenschaft der FSU Jena ein Konzept, um die Studierenden bereits früh zu selbstkritischer Reflexion anzuregen, sich selbst als Träger von Erfahrungswissen wahrzunehmen und Routinen nach ihrer Wirksamkeit zu hinterfragen. Und das am besten noch mit einem engen Bezug zur pädagogischen Praxis. Die Zielrichtung war also klar, doch wie konnte diese Idee realisiert werden? Hier zeigte sich, wie gut ein Netzwerk funktionieren kann. Mit dem Entwicklungsprogramm für Unterricht und Lernqualität (E.U.LE.) standen Lehrer, Erziehungswissenschaftler und Sozialpädagogen bereit, um unter der Regie von Dr. Rißmann  den Studierenden einen intensiven Blick in ihre eigene Schulvergangenheit zu ermöglichen und zugleich Techniken des  Reflektierens des eigenen Handelns aus verschiedenen Perspektiven zu erwerben. Dazu gehört das am Anfang mit „Hans“ schon vorgestellte „Mentale Rollenspiel“, oder  die „Kernreflexion der Berufsent-scheidung“ und auch „Die Vision meiner idealen Schule“. Bis zum Juli 2012 waren es in 4 Semestern 29 Blockseminare mit ca. 800 Studierenden, die dieses Angebot absolvierten. Was sagen diese nun dazu? Dazu zwei Zitate aus den Seminararbeiten: „Zum ersten Mal wurde der Bezug von meiner Biografie zu meinem Wunsch, als Lehrer tätig zu werden, hergestellt.“- Carina Fron, Lehramt Gymnasium. „Deshalb fände ich es sehr interessant und lehrreich …, wenn es mehr solcher Seminare … geben würde.“- Frederik Damerau, Lehramt Regelschule. Genau diese Rückmeldungen bestärken die Kollegen des Instituts, auch im weiteren Studienverlauf entsprechende Professionalisierungsangebote einzuplanen.

Karla Schulze

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