Workshopreflexion: .Fehler machen Leute

von Bettina Blanck, Paderborn, den 23.06.2014

„Ärgerlich! Ein Fehler!“ – „Ein Fehler! Wie wunderbar!“ Schon diese Ankündigung des von Marianne Fromm, Kerstin Immerthal, Heidrun Krause und Bettina Blanck angebotenen Workshops ließ ahnen, was die Teilnehmenden erwarten würde. Es ging um nicht weniger als die Herausforderung unseres intuitiven Alltagsverständnisses von „Fehlern“ und die Frage nach einem sinnvollen Umgang mit ihnen. Auf den ersten Blick scheint jedem klar zu sein, wie sich „Fehler“ identifizieren lassen und dass es darauf ankommt, sie zu vermeiden. Andererseits weisen Redewendungen wie „Lernen aus Fehlern“, „Fehler als Fenster auf Lernprozesse“, „Fehler als Helfer“ auf ein wichtiges Potenzial von „Fehlern“ insbesondere in Schule und Unterricht hin. Diese scheinbar paradoxe Situation, nämlich Fehler zuzulassen, um letztlich Fehler zu vermeiden, ergründeten die Teilnehmenden sowohl mit Methoden des verständnisintensiven Lernens als auch Methoden deliberationsorientierter (erwägungsorientierter) Bildung.

Auf vielfältige Weise setzten sich die Teilnehmenden in Einzel- und Gruppenarbeiten sowie in gemeinsamen Diskussionen im Plenum intensiv mit ihren bisherigen Erfahrungen und Einstellungen zum eigenen Fehlermachen auseinander. Durch die gemeinsame Arbeit wurden die jeweiligen subjektiven Erfahrungen von Anfang an mit anderen subjektiven Erfahrungen und gegensätzlichen Bewertungen konfrontiert. So wurde z. B. an einer Aufstellung, bei der die Teilnehmenden sich selbst danach einschätzten, inwiefern sie mehr oder weniger perfektionistisch orientiert seien, deutlich, welche unterschiedlichen Mentalitäten es gibt und dass dies Auswirkungen auf den Umgang mit Fehlern hat: Wer verzeiht sich (und auch anderen!) wie schnell einen Fehler und wer hadert lange mit eigenen (und fremden) Fehlern? Ausgehend von eigenen Beispielen gemachter Fehler erforschten die Teilnehmenden ihre Glaubenssätze, d. h. ihre Einstellungen und Überzeugungen, die sie bisher zum Thema Fehler hatten. Auch hier wurde beim Austausch der in Gruppen erarbeiteten Glaubenssätze ersichtlich, dass es sehr unterschiedliche Perspektiven und Bewertungen von Fehlern gibt. In einer weiteren Aufstellung konnten die Teilnehmenden sich ihre jeweiligen Bewertungen und Gefühle zu einzelnen Fehler-Überzeugungen zusätzlich körperlich erfahrbar machen. Auf dieses Beziehen vorläufiger Positionen erfolgte ein Ausloten alternativer Perspektiven. Durch erwägungsorientiert aufbereitete »Fehler-«Beispiels-Variationen sollten die eigenen Glaubenssätze auf den Prüfstand gestellt werden. Hierbei kam die Methode der erwägungsorientierten Pyramidendiskussion zum Einsatz, eine Diskussionsmethode, bei der die Teilnehmenden in mehreren Schritten immer wieder wechseln zwischen dem Einnehmen einer Position und einem distanzierenden Perspektivwechsel (distanzfähiges Engagement). Ein solches Beispiel, das später auch im Plenum erörtert wurde, lautete:

Falsch-ausgemalt:

(a) Ein Kind will etwas ausmalen, ohne dabei über die Linien zu malen. Es hat noch wenig Übung hierin und malt immer wieder über die Linien, was es aber sofort bemerkt, sich ärgert und versucht zu beheben, indem es das Übermalte auszuradieren versucht, was aber auch nicht so recht gelingt.

(b) Ein anderes Kind soll etwas ausmalen, ohne über die Linien zu kommen. Die Aufgabe ist für dieses Kind kein Problem, aber es hat keine Lust und malt immer wieder über die Linien hinweg.

(c) Ein drittes Kind malt konzentriert und kompetent sein Bild aus. Als es fast fertig ist, wird es ungeschickter Weise und versehentlich von seiner Nachbarin angestoßen, rutscht mit dem Stift ab und malt über die Linien.“

Durch solche Beispiels-Variationen konnten verschiedene Sichtweisen auf das Thema sich weiter klären und in erste Strategien für Wege zu einem lernförderlichen Umgang mit Fehlern in Schule und Unterricht münden. Für eine Teilnehmerin zeigte etwa das „Falsch-ausgemalt“-Beispiel, dass sie als Lehrerin zukünftig noch mehr mit ihren Schülerinnen und Schüler gemeinsam auf Ursachenforschung gehen will, um herauszufinden, warum etwas nicht gelungen ist. Unsere Sprache, so wurde in der Abschlussrunde als ein Stichwort festgehalten, spielt im Umgang mit Fehlern eine wichtige Rolle. So ist zu beachten: Welches Nicht-Gelingen will man eigentlich einen „Fehler“ nennen? Und welche Worte lassen sich für andere Fälle des Nicht-Gelingens finden?

Am Ende des Workshops zeugten nicht zuletzt die im Raum ausgebreiteten Arbeitsergebnisse von der Vielfalt des Angedachten. Deutlich wurde aber auch: Die unterschiedlichen Impulse für einen lernförderlichen Umgang mit Fehlern sind längst noch nicht zu Ende gedacht und in einer Kultur, in der die negative Bewertung von Fehlern eine lange Tradition hat, erfordert ein konstruktiver Umgang mit Fehlern vor allem auch einen reflexiv emotionalen Umbau der eigenen Überzeugungen. Hier mit sich selbst und gemeinsam mit anderen weiterzukommen, könnte ein wesentlicher Baustein für eine kreative Suchkultur sein, so die Hoffnung und Arbeitshypothese der Autorin dieses Beitrags.

Persönliche Ergänzung:

„Mir hat besonders gut in der Zusammenarbeit mit Marianne, Kerstin und Heidrun gefallen, dass wir unsere Konzepte des verständnisintensiven Lernens und einer deliberationsorientierten Bildung nicht nur vor dem Workshop, sondern auch während des Workshops reflektierend zur kreativen und teilnehmendenorientierten Umgestaltung unseres Vorgehens genutzt haben. Und durch den Austausch im Anschluss an den Workshop hat sich mein Verständnis der Beziehung von Emotion und Kognition weiter geklärt. Im Konzept einer deliberationsorientierten/erwägungsorientierten Bildung spielt der Ausgang der Entfaltung jeweiliger Subjektivität hin zum mehr Intersubjektivität eine zentrale Rolle. Dabei würde ich zukünftig noch stärker betonen, dass diese Subjektivität immer eine Einheit von Gefühlen und Kognitionen ist, die sich im Prozess der Deliberation zu einer reflexiven Emotionalität bzw. einer emotionalen Reflexivität entwickeln kann.“

Weitere Materialien zur Erwägungsorientierung: Erwägungslabor

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