Die Lerntheorie des ViL

Theorie des Verständnisintensiven Lernens

Was bedeutet Verständnisintensives Lernen?
Wir erläutern dies am Bau einer Seifenkiste – einem Beispiel aus der Schule.

Wer an eine „Seifenkiste“ denkt, hat Bilder im Kopf – vielleicht zeigt das „Kopfkino“ auch ein Seifenkisten-Rennen mit Fahrzeugen unterschiedlichsten Aussehens: Manche ähneln Rennwagen, andere Go-Carts. Kurz: Wir bilden eine Vorstellung von „Seifenkiste“. Wer eine Seifenkiste bauen will, der braucht mehr als die bloße Vorstellung – er braucht einen Plan, der jedes einzelne Element beschreibt, der erkennen lässt, woher man es bekommt und wie die Teile zusammengehören: Räder vom Kinderwagen, Roller, oder Handwagen; Kugellager, Achsen, Lenkung (wie beim Bob, Auto?), Sitz (Brett oder Fahrradsattel?), Karosserie (Sperrholz ?), Bremsen (braucht man die?). Planen ist eine Aufgabe für die Vorstellungskraft. Am Ende aber braucht es wirkliche Gegenstände, die ihre Funktion erfüllen: Die Vorstellungen müssen realitätstauglich werden, müssen Erfahrung und Handeln und unseren besonderen Ansprüchen genügen.

Freilich: Aus Rädern, Sperrholz, Achsen, Seilzügen, können auch ganz andere Objekte entstehen – Bewegungsmaschinen, Kunstwerke, wie Jean Tinguely sie gebaut hat. Hier aber geht es um ein Fahrzeug, eine Maschine, die eine bestimmte Leistung auf abschüssiger Straße bringen muss. In das Wechselspiel zwischen Vorstellung und Erfahrung mischt sich daher ein zielbezogenes, rationales Denken ein, eine andere Art zu Denken als das Vorstellungsdenken – in seiner strengsten Formnennen wir es „Begreifen“. Hier geht es um Kriterien und Kategorien, um Urteile, um fach- und sachgerechte Erwägungen. In unserem Fall stammen diese Kategorien vor allem aus Maschinenbau und Mechanik. Wenn dann gebaut wird, beginnt ein direktes Wechselspiel mit der physischen Realität, und es gilt, Widerstände zu überwinden, Unklarheiten zu ertragen und am Ziel festzuhalten. Schließlich müssen wir entscheiden, ob und wann wir den Test riskieren wollen. Zur Struktur des Lernens, die wir hier beleuchten, gehört also – neben der Vorstellung, dem Begreifen, der Erfahrung – eine gleichsam übergeordnete, begleitende, organisierende, kritische Aufmerksamkeit, die reflektiert, optimiert und steuert. Wir nennen das Metakognition.

Verständnisintensives LernenIm Zusammenspiel dieser vier Dimensionen – Erfahrung, Vorstellung, Begreifen und Metakognition – gewinnt das Lernen eine ganz besondere Qualität – es wird verstehenstief, anwendungstauglich, wirklichkeitsfest –wir sprechen von „Verständnisintensivem Lernen“. Ein solches Lernen ist nicht reproduktiv und auf die Wiedergabe isolierter Fakten angelegt, sondern aktiv-konstruktiv, auf Zusammenhänge, Sinnbezüge ausgerichtet. Diese Qualität ist gemeint, wenn wir heute in der Bildungs-, Schul- und Lernforschung fordern, das Lernen solle auf Kompetenz – d. h. auf Anwendbarkeit, Problemerkennung und -lösung, eigenständiges Denken – und nicht auf bloße Informationsaufnahme und -wiedergabe aus sein. Wer somit anderen zusammen lernt, erlebt ein Lernen mit besonderen Qualitäten. Diese emotionale Dimension des Lernprozesses ermutigt uns und regt uns immer wieder an, auf neue Fragen und Herausforderungen aktiv und zuversichtlich sich einzulassen. Drei miteinander verbundene Empfindungen begleiten den Lernprozess:

Kompetenzerleben. Das ist die Erfahrung, die Welt der Gegenstände und Aufgaben besser verstehen, in ihr handeln und die eigenen Grenzen erweitern zu können: Die Seifenkiste fährt wirklich!

Autonomieerleben. Das ist die Erfahrung, auf die Wirksamkeit eigenen Denkens und Handelns vertrauen zu können: Dieses Fahrzeug haben wir in eigener Leistung nach eigenen Vorstellungen gebaut!

Eingebundenheit. Das ist die Erfahrung, die Welt mit der Gemeinschaft anderer Menschen zu teilen und dieser Gemeinschaft anzugehören – andere zu verstehen und von ihnen verstanden zu werden. Auch die andern verstehen und anerkennen diese Leistung: „Er setzt sich tatsächlich hinein … und wir können ins Rennen gehen!“

Fauser, P.: Theorie des Verständnisintensiven Lernens. In: Fauser, P./Prenzel, M./Schratz, M. (Hrsg.) (2008). Was für Schulen! Profile, Konzepte und Dynamik guter Schulen in Deutschland. Seelze-Velber: Kallmeyer.